Schneckenchecken.ch - ein digitaler Bestimmungsschlüssel

Forschung

Manche haben Haare, zwei Beine oder dienen anderen Arten als Brutkasten – die Schweizer Muscheln und Schnecken sind eine faszinierende Welt und doch den meisten völlig unbekannt. Unsere Malakologin Estée Bochud will dies ändern und entwickelt den ersten digitalen Bestimmungsschlüssel, der alle Weichtiere der Schweiz unter einen Hut bringt.

«Das könnte man besser machen», denkt Estée Bochud, Weichtierspezialistin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Naturhistorischen Museum Bern. Die Malakologin 2015 assistiert bei Bestimmungsübungen zur Vorlesung «Biologie der Mollusken» an der Universität Bern. Die Masterstudentinnen und -studenten üben das Bestimmen verschiedener Schweizer Schnecken. Dabei passieren jedoch häufig Fehler und es tauchen immer die gleichen Fragen auf. Den Grund dafür sieht Bochud im Bestimmungsbuch: Es ist fehlerbehaftet, umständlich in der Handhabung und beinhaltet zu viel Fachtext. Zudem ist es nicht auf dem neusten Forschungsstand. Im Gespräch mit dem Kurator für Weichtiere Eike Neubert wird klar: Es braucht einen komplett neuen Bestimmungsschlüssel. Dieser soll nicht nur Fachpersonen, sondern auch einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Somit hatte die Geburtsstunde des digitalen Bestimmungsschlüssels «schneckenchecken.ch» geschlagen.

Über 281 Arten

Dieser neue Bestimmungsschlüssel soll nicht nur Schnecken, sondern alle Mollusken der Schweiz beinhalten – also alle Weichtiere wie Nacktschnecken, Gehäuseschnecken, Süsswasserschnecken und Muscheln. Ein ehrgeiziges Ziel, denn in der Schweiz sind über 204 Arten Landschnecken, 45 Süsswasserschnecken und 32 Muscheln bekannt, also insgesamt 281 Molluskenarten. Der Bestimmungsschlüssel soll zudem hochaufgelöste, wissenschaftliche Fotografien dieser Arten beinhalten und den aktuellen wissenschaftlichen Stand darstellen.

Damit der Bestimmungsschlüssel von einem möglichst breiten Publikum benutzt werden kann, ist sein Konzept so einfach wie möglich gehalten: Durch Bilder und einfache Ja/Nein-Fragen kann z.B. eine Schnecke anhand äusserlicher Merkmale bestimmt werden – sowohl im Vorlesungssaal wie auch auf dem Sonntagsspaziergang. Es muss auch kein sperriges Buch mitgetragen werden, denn: «Ein Handy mit Internetanschluss reicht.», so Bochud.

Die Suche nach dem perfekten Partner

Konzept, wissenschaftliche Inhalte und Know-How sind somit vorhanden und die Sammlung des NMBE bietet alle benötigten Gehäuse und Schalen für die Fotos. Bei der Umsetzung des digitalen Bestimmungsschlüssel stösst Bochud jedoch auf Hindernisse, denn Schneckenforscherinnen sind selten auch Informatikerinnen. Auf der Suche nach einem Kooperationspartner trifft man auf das Schweizerische Zentrum für die Kartografie der Fauna (CSCF). Das CSCF verpflichtet sich der kostenlosen Information über die Verbreitung und Ökologie der Schweizer Tierarten und hat schon einige Erfahrung mit dem Erstellen von Bestimmungsschlüssel. Zusammen mit dem CSCF wird der Bestimmungsschlüssel innerhalb von vier Jahren umgesetzt und geht im Oktober 2019 online.

Das CSCF in Kürze

Die schweizerische Tierwelt ist vielseitig, einzigartig und schützenswert. Es ist daher wichtig, möglichst viel über sie in Erfahrung zu bringen - denn nur was man kennt und versteht, kann man auch schützen. Informationen über die heimische Fauna müssen dafür gesammelt, verwaltet und verbreitet werden. Hier kommt das Schweizerische Zentrum für die Kartografie der Fauna (CSCF) ins Spiel. Das CSCF sammelt in Zusammenarbeit mit diversen Institutionen und Koordinationsstellen Informationen zu Ökologie und Verbreitung aller Tierarten der Schweiz. Mithilfe dieser Daten können Arten und ihre Lebensräume aufrecht erhalten werden.

Zusätzlich unterstützt und erarbeitet das CSCF Bestimmungsunterlagen, um unsere Arten überhaupt korrekt identifizieren zu können. Die diversen Bestimmungsschlüssel sind online oder mithilfe der App «Webfauna» abrufbar. Tierbeobachtungen können hier dem CSCF gemeldet und nach einer Kontrolle direkt in Verbreitungskarten integriert werden.

Die Vielfalt der Schweizer Mollusken...

Die schweizerischen Weichtiere sind für die breite schweizerische Bevölkerung eher ein unbekanntes Gebiet. «Schade eigentlich,», so Bochud, «denn sie bieten eine unerwartete Vielfalt an den überraschendsten Orten». So beherbergen unsere Schweizer Seen und Flüsse über 30 Arten Süsswassermuscheln, einige davon dienen Fischen sogar als Brutstätte. Auch an Land gibt es einiges mehr zu sehen als nur die bekannte Weinbergschnecke. Neben haarigen, nadelförmigen oder gekielten Gehäuseschnecken und gemusterten Nacktschnecken gibt es auch solche, die auf 2000 müM leben oder einen gespaltenen Fuss entwickelt haben um sozusagen auf «zwei Beinen» gehen zu können. Auf der Suche nach Häuschenschnecken empfiehlt sich ein besonders scharfer Blick, denn über die Hälfte der Arten ist gerade mal so gross wie ein Reiskorn

Für unser Ökosystem sind die Mollusken sowohl an Land wie auch im Wasser unentbehrlich. An Land bauen sie als «Kompostierer» totes Pflanzenmaterial, Kadaver und Kot ab und machen so wichtige Nährstoffe für Boden und Pflanzen wieder verfügbar. Muscheln ernähren sich vor allem von Schwebstoffen - dazu pumpen sie Wasser durch ihre Schalen und fangen kleinste Partikel in ihren Kiemen auf. Sie wirken also wie ein Filter und sorgen in ihren Wohngewässern für klareres Wasser.

 

...und ihre Verletzlichkeit

Leider hängt diese Vielfalt an einem sehr dünnen Faden, denn 40% aller Schweizer Weichtierarten sind gefährdet und stehen auf der roten Liste. Die Gründe dafür sind Umweltgifte und die Zerstörung von Lebensräumen. Da Schnecken bekanntlich nicht gerade die schnellsten sind, bleiben sie ihrem Standort oft treu und jede Veränderung kann verheerende Folgen für sie haben. Der Abriss einer Trockenmauer, die Verbauung von Seeufern oder Änderungen der landwirtschaftlichen Nutzung können ganze Populationen auf einen Schlag auslöschen. Dieses Schicksal droht auch der Zwerg-Heideschnecke – Sie ist vom Aussterben bedroht und konnte 2010 nur noch an sieben Stellen in der Schweiz lebend nachgewiesen werden. Diese Art ist auf offene Bodenstellen angewiesen. Wenn solche Stellen z.B. durch Landwirtschaft oder Siedlungsbau verschwinden, verschwindet auch die Zwerg-Heideschnecke. Auch die schweizerische Muschelpopulation ist äusserst fragil, da sie sehr sensitive Lebewesen mit einem kleinem Lebensradius sind. Kleinste Veränderungen in der Wasserqualität können für viele Arten lebensgefährlich sein.

 

Die Natur lässt sich nicht immer sortieren

Beim Gebrauch des Bestimmungsschlüssels wird man durch einfache Fragen zu äusseren Merkmalen eines Tieres langsam zur richtigen Art geführt – so zumindest die Idee. Doch manchmal gerät auch dieser Bestimmungsschlüssel an Grenzen. Grund dafür ist die Vielfältigkeit der Natur. So haben zum Beispiel gewisse Arten eine grosse Bandbreite an Grösse, Form und Färbung und es gestaltet sich als besondere Herausforderungen, diese Varianz mit in den Fragekatalog einzubeziehen.

Das gleiche Problem gibt es auch genau andersherum: Bestimmte Arten lassen sich genetisch oder anatomisch ganz klar voneinander trennen, sehen äusserlich aber genau gleich aus. Der Bestimmungsschlüssel gibt in diesem Fall alle möglichen Arten an. Wenn man es dann noch ganz genau wissen will, muss man ins Labor und das Tier entweder sezieren oder genetisch analysieren.

Einige Problemfälle sind aber bis heute nicht wirklich ausdiskutiert. Die Forschung kann nicht immer abschliessend klären ob nun sehr ähnliche Tiere derselben Art oder mehrere sehr ähnliche aussehende Arten vorliegen.

Wo findet man die denn nun?

Schneckenhäuser und Muschelschalen kann man in der Regel jederzeit finden, weil die Häuschen aus Kalk bestehen und darum sehr lange überdauern. Hang- oder Gewässerränder sind häufige Fundorte, da leere Gehäuse runterrollen oder angeschwemmt werden. Hier empfiehlt sich auch der Einsatz von Lupen – die allermeisten Schneckenhäuschen sind nämlich sehr klein und man übersieht sie leicht. Es lohnt sich daher, vorsichtig Erde zu durchsuchen oder Steine, vermoderndes Holz und Laub umzudrehen, um fündig zu werden. Dabei gilt es, die Steine und Äste wieder so zurück zu drehen wie man sie angefunden hat. «Die Tierwelt und ihre Lebensräume sollen nicht gestört werden», so Bochud. «Dabei darf man nur die wirklich leeren Gehäuse mitnehmen. Und lebende Tiere dort lassen, wo man sie gefunden hat.»

Lebende Tiere sucht man am besten im Frühling oder Herbst. Im Idealfall nach einem verregnetem Tag. Schnecken ziehen sich gerne an schattige, feuchte und kühle Orte zurück, um sich vor dem Austrocknen zu schützen. Winter sowie Sommer sind eher ungeeignete Jahreszeiten, weil die Tiere in eine Art Starre verfallen, um der Kälte sowie der Hitze zu trotzen. Auch nachts kann man Schnecken finden, denn viele Nacktschnecken sind hauptsächlich nachtaktiv. Tagsüber graben sie sich in der Erde ein oder verstecken sich im Dickicht.