#Bahnhofsnashorn – Eine Baustelle lässt 20 Millionen Jahre tief blicken

Forschung

Die RBS-Baustelle ist für die Paläontologen des Naturhistorischen Museums ein Glücksfall: Sie untersuchen den Bauschutt nach Versteinerungen aus einer Zeit, als in Bern ein subtropisches Klima herrschte.

Bis im Jahr 2027 baut der RBS einen neuen, unterirdischen Bahnhof als Teil des Gesamtprojektes «Zukunft Bahnhof Bern» der SBB, des RBS und der Stadt Bern Dabei werden Gesteinsschichten zugänglich, die sonst verborgen sind, eine einmalige Chance für die Paläontologinnen und Paläontologen des NMBEs. Dank des Wohlwollens der Projektleitung seitens RBS konnte der Tunnelaushub schon einige Male untersucht werden. Von besonderem Interesse ist dabei die «Untere Süsswassermolasse». Als diese Gesteinsschicht entstand, lag Bern noch in den Subtropen: Im Vergleich zu heute belebte vor 20 Mio. Jahren eine sehr unterschiedliche Tier- und Pflanzenwelt das heutige Zentraleuropa. Zu deren Erforschung sind grosse Bauprojekte wie der «Zukunftsbahnhof Bern» ein Glückstreffer. Dank der engen Zusammenarbeit mit dem RBS konnten Paläontologin Ursula Menkveld und ihr Team bereits einige Funde sichern.

Die Baustellen der Bahnhofserweiterung liegen im Untergrund in gut 20 Millionen Jahre alten Gesteinen. Flussläufe brachten zu jener Zeit Riesenmengen von Schutt aus den Alpen ins heutige Mittelland, daraus entstanden Sand- und Tonsteine, die Obere Süsswassermolasse.

In diesen Ablagerungen kamen beim Bau der Tiefenaustrasse um 1850 und auch auf der Baustelle des Neufeldtunnels vor 10 Jahren Versteinerungen zum Vorschein. Der bislang spektakulärste Fund war ein Schädel eines frühzeitlichen Nashorns. Die Funde offenbaren, dass hier in Bern vor mehr als 20 Millionen Jahren neben Nashörnern auch Hirsche, Marder, Schweine, Schildkröten, Schnecken und andere Tiere lebten. Pflanzenfunde zeigen, dass ein subtropisches Klima herrschte.

Mit mehreren Schritten zum Erfolg

Seit Dezember 2020 sucht die paläontologische Abteilung des NMBEs regelmässig auf der Baustelle beim Bierhübeli nach Fossilien. Bis anhin konnten versteinerte Schnecken, Knochenstücke sowie Zähne und Kieferfragmente von Nagetieren gefunden werden. Diese Erfolge sind hart erkämpft: Auf der Baustelle braucht es ein scharfes Auge, um potentiell fossilführende Gesteine zu entdecken. Zurück im Museum werden die gesammelten Gesteinsbrocken aufgebrochen und nach Fossilresten durchsucht. Die gefundenen Fossilien werden mit höchster Vorsicht vom Gestein befreit. Erst dann können sie unter dem Mikroskop genauer untersucht und bestimmt werden. Doch der Aufwand lohne sich, so Ursula Menkveld, denn die Bahnhofs-Baustelle ermögliche eine einzigartige Chance, mehr über den Lebensraum in Bern vor 20 Mio. Jahren zu erfahren.

Über die gesamte Bauzeit wird das Naturhistorische Museum Bern über seine Forschungsarbeiten an der Baustelle berichten. Unter dem Stichwort #Bahnhofsnashorn finden Sie spannende News auf der Webseite und auf Social Media.