Ein schwieriges Jahr, auch für das Naturhistorische Museum Bern

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Die neue Dauerausstellung «Wunderkammer – Die Schausammlung» ermöglicht einen einzigartigen Einblick in die naturhistorischen Sammlungen. NMBE/Rodriguez

2020 war wahrlich kein normales Jahr. Obschon das Naturhistorische Museum Bern mit einem Besuchsrekord startete, prägten Corona und die Sicherheitsmassnahmen die Arbeit hinter den oft geschlossenen Türen.

Der beliebten Sonderausstellung «T. rex – Kennen wir uns?» war es zu verdanken, dass das Jahr 2020 begann, wie 2019 endete: Mit einem Rekord an Museumsbesuchen. Ende Januar 2020 hatten über 100'000 Personen die Dinosaurier-Schau gesehen, die im Frühling zum Natural History Museum in London zurückreiste. Im Februar eröffnete die neue Installation «Resurrecting the Sublime». Im von Christina Agapakis, Alexandra Daisy Ginsberg und Sissel Tolaas erschaffenen Duftdiorama kann der Duft einer ausgestorbenen Pflanze gerochen werden. Die Installation lotet die Übergänge zwischen Wissenschaft und Kunst aus und bespielt den letzten Raum der Sonderausstellung «Weltuntergang – Ende ohne Ende». Im Rückblick erscheint diese Auseinandersetzung mit wiederkehrenden Untergängen fast prophetisch

2020 – Höhepunkte hinter geschlossenen Türen

Im Vergleich zu einem normalen Jahr blieb das NMBE 2020 während rund einem Drittel der Tage geschlossen. Das schlägt sich auch in den Besuchszahlen nieder: 97‘615 Eintritte verbuchte das Museum im Jahr 2020, davon nahmen 7‘536 Personen an Veranstaltungen teil. Zum ersten Mal seit zehn Jahren wurde die 100‘000-Grenze nicht überschritten; zum letzten Mal war das im Jahr im 2010 mit 97‘306 Besuchenden der Fall. Im Vergleich zum Rekordjahr 2019 (192‘800 Eintritte) bedeutete das einen Einbruch von rund 50%. Die geplanten Höhepunkte im Veranstaltungskalender – Museumsnacht, Dullins Tiershow, Lehrerfortbildungen, Winterbergs Bestiarium, Schneckensafari, Pica Club, Tierzeichnen etc. - waren geprägt von Absagen und Verschiebedaten. Auch die im November neu eröffnete Dauerausstellung «Wunderkammer – Die Schausammlung» war bis zum Jahresende nur kurz offen. Diese schweizweit einzigartige Präsentation einer Nass-Sammlung ermöglicht einen spektakulären Einblick in die Forschungs- und Sammlungsarbeit des NMBE. Die Wunderkammer macht mit über 19‘000 Objekten einen Teil der Sammlung für die Öffentlichkeit zugänglich. Bei einem Rundgang zwischen den raumhohen Regalen besucht man sowohl eine wissenschaftliche Sammlung, eine aktive Forschungsstätte sowie ein vielfältiges Archiv des Lebens.

Ausblick 2021

Im April 2021 wird die neue Sonderausstellung «Queer – Vielfalt ist unsere Natur» eröffnet. Queer steht für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt und das NMBE gibt Einblick in Geschlechter und Ausrichtungen in der Natur und beim Menschen. Eine Vielfalt, die gesellschaftlich schon Realität ist, aber auch zu Kontroversen führt. Dabei kommt eine Frage immer wieder auf: Was ist natürlich? Die Ausstellung spannt den Bogen zwischen biologischen Erkenntnissen und aktuellen gesellschaftlichen Debatten, Diskussionen sowie vermeintlichen Normen. Zum bunten Rahmenprogramm gehören die fabulöse Bühnenshow «Late Night Drag Show», vertiefende Kamingespräche im intimen Rahmen und «Verführungen» durch die Ausstellung.

Das Themenjahr «Natur braucht die Stadt – mehr Biodiversität in Bern» wurde auf dieses Jahr verschoben. Als Partner dieses Projekts unterstützt das NMBE besonders mit seiner Expertise im Bereich der schweizerischen Artenvielfalt.

Unser Museum ist auch eine Forschungsstätte

Auch hinter geschlossenen Türen wurde am NMBE im Jahr 2020 geforscht. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiteten an regionalen und internationalen Projekten, forschten gemeinsam mit der Bevölkerung, bestimmten neue Tierarten und erweiterten die Sammlung.

Höhepunkte 2020: «Citizen Science», Gollum-Schlangenkopffische und Biodiversitätsforschung

Seit Jahren sucht und erforscht das NMBE Meteoriten im Oman. Im Jahr 2020 wurde zum ersten Mal eine Suchkampagne in Zusammenarbeit mit dem Ministry of Heritage and Tourism des Sultanats Oman durchgeführt. Zudem starteten 2020 die Rückführungen der vollständig untersuchten Meteoriten vom NMBE zurück in den Oman.

Eine weitere Zusammenarbeit, diesmal mit der Berner Bevölkerung, lancierte das NMBE mit dem Projekt «Rote Waldameise».  Dieses «Citizen Science»-Projekt untersucht die Verbreitung der heimischen Waldameisen im Kanton Bern. Rund 3000 neue Hügel dieser wichtigen “Gesundheitspolizei der Wälder“ konnten 2020 kartographiert werden. Auch das bereits etablierte «Citizen Science»-Projekt des Twannberg Meteoriten wurde weitergeführt: 280 Funde erweiterten das bekannte Streufeld.

Eindrückliche Funde ergaben auch die Begehungen im Steinbruch jura cement: Die verlängerte Sonderschau «5 Sterne – Sensationeller Fossilienfund im Jura» zeigt die dabei neu entdeckten fossilen Stachelhäuter in einer eigenen Vitrine. Auch entdeckt, bzw. neu beschrieben, wurden drei neue Schneckenarten, sowie drei parasitische Wespenarten, welche die Eier der Gottesanbeterin als Ablegeplatz für ihre eigenen Eier benutzen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des NMBE waren auch an einem internationalen Forschungsprojekt über den indischen «Gollum-Schlangenkopffisch» beteiligt. Das Projektteam konnte zeigen, dass es sich hierbei nicht nur um eine neue Art, sondern um eine neue, eigene Familie handelt.

Die Biodiversität ist ein wichtiges Forschungsfeld des NMBE und im Jahr 2020 zeigte sich seine breite Ausrichtung besonders augenfällig an den Weichtieren: Das Museum beteiligte sich an einer globalen Studie, welche die prekäre Situation der Süsswassermuscheln und –schnecken aufzeigt: Mehrere hundert Arten sind bereits ausgestorben und 30% der noch existierenden Arten sind bedroht. Für die stadtbernischen Weichtiere sieht es wiederum besser aus: Überraschend viele Weichtierarten finden sich im Botanischen Garten Bern, wie ein Inventarisierungsprojekt des Museums zeigt.

Auch dieses Jahr wurden zahlreiche Artikel und mehrere Bücher publiziert. Eines davon ist die neu überarbeitete Version des Klassikers «Vögel beobachten in der Schweiz». Dieser sowohl für Fortgeschrittene wie auch für Laien geeignete Vogelführer beschreibt die besten Orte für spannende Beobachtungen und lässt die wunderbare Welt der einheimischen Vögel entdecken. Als 38. Band der Zeitschrift des NMBEs «Contributions to Natural History» erschien die 500-seitige Monografie der Langhornfalter. Dieser bereits vergriffene Bestseller entstand in Zusammenarbeit mit dem Entomologischen Verein Bern.

Ausblick Forschung 2021

Der Schweizerische Nationalfonds bewilligte ein neues Projekt zur Fortsetzung der Meteoritenforschung im Oman. Im Rahmen des 2021 startenden Projektes werden Kamerastationen zur Beobachtung frischer Meteoritenfälle im Oman aufgebaut.

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