SwissCollNet: Aufbereitung Naturhistorischer Sammlungen

Sammlungserschliessung

Die Objekte aus naturwissenschaftlichen Sammlungen sollen virtuell vernetzt und für Forschung, Bildung und Gesellschaft besser zugänglich werden. Das ist das Ziel des «Schweizer Netzwerkes Naturhistorische Sammlungen» der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz SCNAT. Auch drei Projekte des Naturhistorischen Museums werden im Rahmen von SwissCollNet unterstützt.

Über 60 Millionen Exemplare von Tieren, Pilzen, Pflanzen, Gesteinen und Fossilien lagern in Schweizer Naturmuseen, Botanischen Gärten, Universitäten und weiteren Einrichtungen, davon sind nur 17 Prozent digital erfasst. Mit dem «Schweizer Netzwerk Naturhistorische Sammlungen» (SwissCollNet) setzt sich die Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT) für eine bessere Erschliessung der naturhistorischen/naturwissenschaftlichen Sammlungen in der Schweiz ein.

Mit Hilfe von SwissCollNet können Kuratorinnen und Kuratoren in Schweizer Sammlungsinstitutionen ausgewählte Sammlungen ihrer Institutionen aufarbeiten und Informationen über die einzelnen Objekte digital erfassen. Dieses lokal gespeicherte Wissen wird dann über eine gemeinsame Schnittstelle veröffentlicht und gepflegt und kann dadurch vielseitig und langfristig genutzt werden. In den kommenden Jahren entstehen so aus den naturwissenschaftlichen Sammlungen weltweit miteinander vernetzte, digitale Wissens- und Forschungsplattformen. Im Herbst 2021 hat SwissCollNet dazu eine erste Ausschreibung lanciert, im Frühjahr 2022 erfolgte eine zweite.

Es werden vorwiegend Sammlungsobjekte aus der Schweiz bearbeitet. Neben der Aufarbeitung und geeigneten Konservierung setzen die Sammlungsinstitutionen einen beträchtlichen Anteil der Finanzierung für die digitale Datenerfassung der Objekte ein. Digitalisiert liefern die Bestände einzigartige Daten für die Klima-, Biodiversitäts- und Landschaftsforschung sowie Umweltbehörden und Bildungseinrichtungen. Die Projekte beinhalten auch den Transfer von Expertenwissen und die Schulung des Nachwuchses.

Digitalisiert liefern die Bestände einzigartige Daten für die Klima-, Biodiversitäts- und Landschaftsforschung sowie Umweltbehörden und Bildungseinrichtungen. Der Bund hat dafür eine Anstossfinanzierung von 12.37 Millionen CHF gesprochen unter der Bedingung, dass sich die für die Museen und botanischen Gärten verantwortlichen Behörden vor Ort mit derselben Summe an der vier Jahre dauernden Initiative beteiligen. Mit der Anschubfinanzierung stellt der Bund sicher, dass die Schweiz den Anschluss zu ähnlichen Initiativen in Europa schafft.

Folgende Projekte des Naturhistorischen Museums werden im Rahmen von SwissCollNet unterstützt und starten 2022:

  • Pteromalidae in Swiss Collections: Das Projekt Erzwespen (Pteromalidae) in Schweizer Sammlungen hat zum Ziel, eine umfassende Datenbank der trocken präparierten Exemplare in möglichst vielen Schweizer Institutionen zu erstellen. Der grösste Teil der Sammlungen ist in 7 Institutionen untergebracht: In den Naturhistorischen Museen Aargau, Basel, Bern, Genf, Lausanne und Solothurn sowie in der Entomologischen Sammlung der ETH in Zürich. Sie alle umfassen knapp 22000 Exemplare.

    Erzwespen der Familie der Pteromalidae sind eine umfangreiche Gruppe parasitischer Wespen und sind daher von grosser Bedeutung in der Grundlagenforschung und in der angewandten Forschung. Eine vollständige Datenbank der Pteromalidae in Schweizer Sammlungen auf dem Schweizer Netzwerk Naturhistorische Sammlungen (SwissCollNet) wird diese Insektenfamilie automatisch in den Vordergrund der Forschung rücken. Da das meiste Material im Zusammenhang mit Projekten zur biologischen Schädlingsbekämpfung gesammelt wurde, werden mit der Datenbank nicht nur die Individuen erfasst, sondern es werden auch die so wichtigen Wirt-Parasitoid Beziehungen abgebildet. Zusätzlich werden die Exemplare auch weitgehend neu identifiziert. Damit bleibt zu hoffen, dass mit diesem Projekt das Interesse einer künftigen Generationen von SpezialistInnen an dieser ökologisch und ökonomisch so wichtigen Gruppe geweckt wird.
     
  • 21st century curation - best practices for expansion and providing accessibility of vertebrate collections: Naturwissenschaftliche Sammlungen und Datenbanken dokumentieren die Vielfalt des Lebens auf der Erde und bilden eine wichtige Grundlage für unser Verständnis der Evolution. Korrekt datierte und konservierte Museumsexemplare sind daher unverzichtbare Datenquelle für biologische und angewandte Forschung. Folglich müssen Naturkundemuseen ihre Sammlungen ständig gezielt und auf der Basis wissenschaftlicher Standards erweitern. Dabei ist die Konservierung von Objekten ein zeit- und kostenintensiver Prozess, der jedoch die Voraussetzung für jede spätere wissenschaftliche Nutzung naturkundlicher Sammlungen ist.

    Das von SwissCollNet geförderte Projekt am Naturhistorischen Museums Bern wird zu einer deutlichen Erweiterung und besseren Erschliessung der Wirbeltiersammlung führen. Insgesamt 3000 neu gesammelte Exemplare sowie 350 historische Skelette in schlechtem Zustand sollen für die Sammlung präpariert, beprobt und digital erfasst werden. Die dabei neu erhobenen Daten werden übergeordneten Datenbanken zur Verfügung gestellt und damit Forschenden in aller Welt zugänglich gemacht. In diesem Modellprojekt werden die Standards für die Aufarbeitung von neu gesammeltem Material aber auch für die Erhaltung historischer Objekte in Wirbeltiersammlungen im Allgemeinen weiterentwickelt. Im Rahmen eines Workshops werden bewährte Praktiken in Erweiterung und Kuration von Wirbeltiersammlungen an andere Institutionen weitergegeben im Sinne eines Beitrages zur Aufrechterhaltung hoher Standards in den naturwissenschaftlichen Sammlungen der Schweiz.
     
  • Anwil fossil collection, excavation 2014: Identification and digitisation of the material of three museums: Schon seit dem 19. Jahrhundert sind die rostroten Fossilien, die man mit ein wenig Glück in den frisch geeggten Feldern in Anwil (BL) entdecken kann, bekannt. Die mitteljurassischen Schichten (Bathonien/Callovien), aus denen die Fossilien stammen, sind jedoch nirgendwo natürlich aufgeschlossen. Deshalb haben im Jahr 2014 die beiden Naturhistorischen Museen von Bern (NMBE) und Basel (NMBS) sowie Archäologie und Museum Baselland, Liestal (AMBL) eine grossangelegte wissenschaftliche Grabung durchgeführt. Die dabei ans Licht geholten, rostroten Gesteine präsentieren eine sehr diverse und gut erhaltene Fauna.

    Rund 8 Jahre nach der Grabung ist der grösste Teil des Materials präpariert. Im Rahmen des Projektes «Die Fossiliensammlung der Grabung Anwil 2014» soll das ganze Material aller drei Institutionen bestimmt und nach modernen Standards katalogisiert werden. Nur so kann sichergestellt werden, dass das Kulturgut auch für zukünftige Generationen verfügbar bleibt. Von besonderem wissenschaftlichem Interesse ist die hohe Vielfalt der Ammonitenfauna. Eine Analyse der Veränderungen zwischen den einzelnen Schichten lässt Rückschlüsse auf die Wanderungsbewegungen sowie die Entwicklung der Meeresbewohner zu. Außerdem ermöglicht die Fauna eine zuverlässige Datierung und eine internationale Korrelation mit gleichaltrigen geologischen Fundschichten aus anderen Gegenden der Welt.
  • Geomodul (Integrating Geoscience Collections into Specify Software): Dieses Projekt steht quer in der vielfältigen SwissCollNet-Projekt-Landschaft. Während die allermeisten Projekte die Digitalisierung von Sammlungen oder von Sammlungsteilen zum Ziel haben, schafft dieses international abgestützte Projekt erst die Grundlagen dafür.

    In den letzten Jahrzehnten wurde es infolge der Klima- und Biodiversitätskrisen immer wichtiger, biologische Sammlungen zu erheben und zu digitalisieren und diese Biodiversitäts-Daten der Forschung, NGO’s und auch den Verwaltungen als Grundlagendaten zur Verfügung zu stellen. Für biologische Sammlungen entstanden so grosse Projekte wie GBIF, BIOCASE oder IDigBio, hinter welchen letztlich ein umfassender Datenbankdienst steht, der Daten «erntet» und zugänglich macht. Ähnliche Gefässe für erdwissenschaftliche Sammlungen wurden jedoch vernachlässigt. Erst in den letzten Jahren hat sich das Bedürfnis nach solchen Lösungen für erdwissenschaftliche Sammlungen ebenfalls stärker abgezeichnet. Ein Problem stellte dabei aber die starke Fokussierung der heutigen naturwissenschaftlichen Museums-Datenbanken auf Biodiversitätsdaten dar, denn bis heute können die wenigsten dieser Datenbanken auch erdwissenschaftliche Objekte im Detail erfassen. Eine der am breitesten international abgestützten naturwissenschaftlichen Datenbanken ist SPECIFY, eine Open Source Datenbank, die an der Universität Kansas in den USA entwickelt wird. Auch diese Datenbank besitzt bis heute kein Modul, das die Erfassung von erdwissenschaftlichen Objekten erlauben würde. Einzig paläontologische Daten können, in leider noch ungenügender Datentiefe, erfasst werden.

    Aus diesem Grund wurde das Projekt Geomodul (Integrating Geoscience Collections into Specify Software) bei SwissCollNet eingereicht. Dabei handelt es sich um ein Kollaborationsprojekt der Naturhistorischen Museen von Basel, Bern, Genf und Lausanne. Das Ziel dieses Projektes ist es, in Zusammenarbeit mit dem SPECIFY-Konsortium, ein erdwissenschaftliches Modul für diese Software auszuarbeiten. Das Modul wird anschliessend integraler Bestandteil der Datenbanksoftware sein und somit der internationalen Community zur Verfügung stehen. Da SPECIFY in der Schweiz bereits von mehreren Institutionen betrieben wird, besteht sowohl ein direkter Nutzen für Schweizerische Institutionen als auch für die international angesiedelten Nutzer:innen dieser Plattform.

23.3.2023