Wie der Mensch das Hundehirn formt

Medienmitteilung

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Schädelmodell eines Appenzeller Sennenhunds
Schädelmodell eines Appenzeller Sennenhunds zvg/NMBE

Durch die Domestizierung und künstliche Selektion hat der Mensch die Form, Grösse und Zusammensetzung des Hundehirns massgeblich geprägt. Wie sehr, zeigt unter anderem eine neue Studie unter Federführung des Naturhistorischen Museums Bern NMBE.

Forschende des Naturhistorischen Museum Bern (NMBE) haben zusammen mit einem internationalen Team erstmals die Neuroanatomie von Hunden und Wölfen systematisch miteinander verglichen. Untersucht wurden insgesamt 243 Hunde und Wölfe, die ein breites Spektrum an Rassen, Populationen sowie unterschiedlichen Körperformen und -grössen repräsentieren. Viele davon stammen aus der NMBE-Sammlung. Im Vergleich zu Wölfen haben Hunde kleinere Gehirne, diese weisen jedoch viel mehr Formunterschiede auf. Darüber hinaus haben Hunde auch veränderte Anteile verschiedener sensorischer Regionen. Dies stellt ein anschauliches Beispiel für die sogenannte Mosaikevolution dar und bestätigt somit eine der stärksten Hypothesen zur Gehirnentwicklung von Säugetieren – jene, dass sich verschiedene Hirnregionen zeitlich unterschiedlich entwickeln können. 

Schnellere Entwicklung als gedacht

Bemerkenswert ist ausserdem, dass der Frontallappen sowie Gehirnregionen, die mit sozialem Verhalten in Verbindung stehen, bei Hunden proportional grösser sind als bei Wölfen. Diese Areale sind bei besonders «kooperativen» Rassen stärker ausgeprägt als bei unabhängigen Rassen. Das unterstreicht, wie sehr die menschliche Selektion, besonders soziale Rassen zu züchten, die Gehirnentwicklung und -zusammensetzung von Hunden beeinflusst hat. «Alte» Rassen wie der Siberian Husky weisen im Vergleich zu «modernen» Rassen wie dem Deutschen Schäferhund eine eher wolfsähnliche Neuroanatomie auf. Dies ist zwar kein Schwerpunkt der Studie, deutet jedoch darauf hin, dass auch genetische Faktoren eine Rolle bei der unterschiedlichen Gehirnentwicklung innerhalb der Hunderassen spielen. 

Insgesamt ist das Gehirn von Hunden deutlich stärker «integriert» als jenes von Wölfen. Ein integriertes Gehirn bedeutet, dass die einzelnen Unterregionen, insbesondere die Sinnesbereiche, besser aufeinander abgestimmt sind. Diese Ergebnisse stellen das herkömmliche Verständnis der Evolutionsfähigkeit des Säugetiergehirns infrage und widersprechen lange vertretenen evolutionstheoretischen Annahmen, wonach ein stark integriertes Hirn auf eine langsame Evolutionsfähigkeit hinweist. Sie unterstreichen vielmehr die aussergewöhnlich rasche Anpassungsfähigkeit des Säugetiergehirns unter dem Einfluss von Domestizierung und künstlicher Selektion. Am Beispiel des Hundes wird deutlich, welch grossen Einfluss der Mensch auf die Entwicklung seiner engsten tierischen Begleiter genommen hat – und noch immer nimmt.