«Die neue Art Gitchak nakana, von der nur ganz wenige Exemplare bekannt sind, wurde beim Reinigen eines ausgehobenen Brunnens in einem kleinen Ort im indischen Bundesstaat Assam ans Tageslicht gebracht», sagt der Ichthyologe Lukas Rüber, Kurator am Naturhistorischen Museum Bern. Die winzige, augenlose Schmerle ist morphologisch und genetisch so einzigartig, dass sie nicht nur eine neue Art, sondern sogar eine neue Gattung repräsentiert. Ein weiteres besonderes Merkmal der winzigen blinden Schmerle ist das Fehlen eines knöchernen Schädeldachs; der obere Teil des Gehirns wird lediglich durch Haut geschützt, eine anatomische Besonderheit, die bisher nur bei ganz wenigen winzigen Fischarten gezeigt werden konnte.
Von den weltweit über 37’000 bekannten Fischarten leben rund 300 Arten unterirdisch, meistens in Höhlen. Diese Arten zeigen oft Troglomorphien – spezielle morphologische Anpassungen an das Leben in dauerhafter Dunkelheit wie Reduktion oder Verlust der Augen, eine fehlende Pigmentierung und einen verbesserten Tast- oder Geruchsinn. Nur etwa 10% aller unterirdisch lebenden Fischarten kommen in Aquiferen, also grundwasserführenden porösen Gesteinsschichten vor. «Fische die in diesem einzigartigen Lebensraum leben werden nur ganz selten und rein zufällig gefunden», so Rüber.
Bedeutung für Biodiversität und Evolutionsforschung
Der Fund liefert wichtige Erkenntnisse zur Evolution unterirdisch lebender Arten. Als erster aquiferbewohnender Fisch aus Nordostindien macht Gitchak nakana auf dieses empfindliche und bislang unerforschte Ökosysteme aufmerksam und unterstreicht die Rolle von Aquiferen als Lebensraum verborgener Biodiversität. Die molekulare Datierung des Stammbaums der Schmerlen legt nahe, dass sich Gitchak bereits vor 21–45 Millionen Jahren von den nächstverwandten Schmerlen abspaltete – deutlich älter als das Alter der grundwasserführenden porösen Gesteinsschichten, in denen die Schmerle gefunden wurde.
Dies lässt sich entweder durch die langfristige geologische Beständigkeit ähnlicher Aquiferen in der Region erklären oder durch die Möglichkeit, dass die Vorfahren ursprünglich oberirdisch lebten und erst später in das unterirdische Aquifer-System einwanderten. «Die Entdeckung der grundwasserbewohenden Art Gitchak nakana zeigt, wie wenig wir noch über die Evolution von in Aquiferen lebenden Fischen und ihrer Diversität wissen – die Forschung auf diesem Gebiet bleibt spannend», sagt NMBE-Kurator Lukas Rüber.