Archäozoologie

Die wissenschaftliche Untersuchung von Tierresten aus archäologischen Ausgrabungen (Knochen, Zähne, Geweih, Mollusken) hat am Naturhistorischen Museum Bern eine lange, über 130-jährige Tradition. Den Beginn markiert das Jahr 1883, als die Museumskommission die Privatsammlung des Altertumsforschers und Arztes Johann Uhlmann erwarb. Sie umfasst mehr als 6000 neolithische Tierknochen aus den Pfahlbausiedlungen am Moossee (UNESCO Weltkulturerbe) und gilt heute als die älteste archäozoologische Sammlung der Welt.


Auch wenn sich die archäozoologische Methodik in den letzten 20 Jahren durch die Einführung der Molekulargenetik und Isotopenanlyse erweitert und gewandelt hat, bleiben die Forschungsziele in der Archäozoologie weiterhin, die Lebensumstände und die Umwelt unserer Vorfahren zu untersuchen und so weit wie möglich zu rekonstruieren. 
Die moderne Archäozoologie setzt dabei je nach untersuchter Epoche auf Forschungsschwerpunkte wie z.B. Jagd und Umweltveränderung (besonders im Paläolithikum/Mesolithikum) oder Domestikation und frühe Agrargesellschaften (z.B. im Neolithikum der Pfahlbauer). In der Römerzeit und im Mittelalter treten dann vor allem Fragen zur sozialen Situation der Nahrungskonsumenten in den Vordergrund sowie die Untersuchung des Verhältnisses von Tieren und Menschen in Religion und Volksglauben. 

   
Die Analyse von tierischen Resten aus archäologischen Ausgrabungen umfasst üblicherweise folgende Punkte:

•    Untersuchung der Einbettung- und Erhaltungsgeschichte der Knochen (sog. taphonomische Faktoren wie Verwitterung, Fragmentierung, Brand- Schlacht- und Bisspuren)
•    Zoologische Bestimmung von Tierart, Skelettteil und Körperseite. Bei Artefakten Rohmaterialbestimmung (Knochen, Geweih, Horn, Elfenbein)  
•    Alters- und Geschlechtsbestimmung und mögliche Angaben zum Schlacht- oder Jagdzeitpunkt
•    Horizontalstratigrafische Verteilung der Knochen in der Siedlung
•    Biometrische Untersuchungen zur Rekonstruktion von Grösse und Wuchsform



Wissenschaftlich fundierte Ergebnisse sind in der modernen Archäozoologie nur durch die multidisziplinäre Zusammenarbeit mit Vertretern von Forschungszweigen wie Archäologie, Archäobotanik, Molekularbiologie, Geoarchäologie, Paläoanthropologie usw. zu erreichen. Daher arbeiten wir eng mit Institutionen wie dem Archäologischen Dienst des Kantons Bern, dem Institut für Archäologische Wissenschaften der Universität Bern und der Abteilung Anthropologie des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Bern zusammen.


Um einen höchstmöglichen Standard unserer Forschungsarbeit sicherzustellen, unterstützen wir die wissenschaftlichen Richtlinien, welche in den Protocols for professional conduct of the International Council for Archaeozoology festgelegt sind.
 

Unsere aktuellen Forschungsschwerpunkte:
•    Nahrungsversorgung und Viehwirtschaft in neolithischen, römischen und mittelalterlichen Siedlungen des schweizerischen Mittellandes und Alpenraums
•    Osteometrische, historische und genetische Untersuchungen an mittelalterlichen Rinder- und Schaf/Ziegen-Metapodien. Rekonstruktion von Grösse, Wuchsform, Geschlecht und genetischer Variation mittelalterlicher Rinder in der Stadt Bern
 

Weitere Informationen und Publikationen finden sich auf den persönlichen Seiten von Dr. Marc Nussbaumer und Dr. André Rehazek. Eine Übersicht unserer Sammlungen finden sie hier.