Zartes Geschöpf in vergessener Welt entdeckt

Datum: 
15. Dezember 2016

Eine Forschungsexpedition wie im Abenteuerroman: Ein Team um den Wissenschaftler Dr. Stefan T. Hertwig vom Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern hat auf der Insel Borneo ein abgelegenes Hochplateau erforscht. In der schwer zugänglichen Bergregion ist man auf eine unbekannte, besonders filigrane Krötenart gestossen.

 

Die vergessene Welt: Anfang des 20. Jahrhunderts bricht ein Expeditions-Team rund um Professor Challenger auf und wagt eine beschwerliche Reise in ein abgelegenes Hochplateau in Südamerika. Die Forschergruppe stösst auf ihrem Abenteuer auf Dinosaurier, die dank den günstigen Lebensbedingungen in diesem isolierten Gebiet überleben konnten.

So steht es in «The Lost World». Rund hundert Jahre nach der legendären Abenteuergeschichte von Sir Arthur Conan Doyle erscheint die Publikation von Dr. Stefan T. Hertwig und seinem Team unter demselben Titel. Mit seiner Expeditionsgruppe bestieg Hertwig ebenfalls ein unzugängliches Hochplateau. Anders als im Roman liegt das Usun Apau-Plateau auf Borneo. Und Dinosaurier haben die Wissenschaftler in der abgelegenen Bergregion zwar keine entdeckt, dafür eine bisher unbeschriebene Krötenart.

Die Zarte unter den Kröten

Ansonia teneritasheisst die neu entdeckte Art, die zur Gattung der Bachkröten gehört. Den Namen hat sie aufgrund ihres feingliedrigen Körperbaus erhalten (tener lat. für zart). Wie die Saurier in Doyles Roman lebt sie auf dem Hochplateau in einem isolierten Lebensraum. Sie hat rot-orange Augen, eine Körperlänge von weniger als 25 Millimeter und unterscheidet sich äusserlich kaum von bereits bekannten Bachkröten. Jedoch hat die genetische Analyse am Naturhistorischen Museum Bern ergeben, dass es sich um eine eigene Art handelt.

Die Ansonia teneritas lebt an Bergbächen, die zügig über Felsen fliessen – ein sehr spezifischer Lebensraum. Gerade diese besonderen Bedürfnisse könnten dafür verantwortlich sein, dass ihr Vorkommen bisher nur an zwei Orten in Borneo nachgewiesen werden konnte. Für das Team von Hertwig ist der Nachweis von Ansonia teneritas ein weiteres Indiz dafür, dass die Biodiversität Borneos unvorstellbar gross und noch sehr unvollständig bekannt ist. Auf der Expedition hat das Team eine Vielzahl von Tieren gesammelt, dieses Material lagert nun in der Museums-Sammlung. Es ist davon auszugehen, dass künftige Untersuchungen weitere neue Arten zutage fördern.

Man sammelt viele Frösche, bevor man einen «Prinzen» findet

Während der Expedition war es für die Wissenschaftler nicht so einfach zu beurteilen, ob es sich bei den gefundenen Kröten und Fröschen um einen «Prinzen», also um eine neue Art handelt. Es bedarf erst wissenschaftlicher Analysen im Museum, um die Unterschiede zu beschriebenen Arten zu finden.

Borneo ist ein enorm artenreiches Gebiet, ein sogenannter Hotspot der Biodiversität. Diese Vielfalt ist allerdings akut bedroht, sodasss die Beschreibung neuer Arten einem Wettlauf gegen die Zeit gleicht. Die Rodung von Regenwald und die anschliessende Nutzung des Landes, beispielsweise für die Palmölproduktion, zerstören die natürlichen Lebensräume vieler Frösche. Aus diesem Grund will das langfristig angelegte Frogs-of-Borneo-Projekt möglichst viele Arten und deren Lebensräume wissenschaftlich beschreiben. Denn nur, was man genau kennt, kann man auch gezielt schützen.

Die Feldforschung bleibt trotz moderner Analysetechnik abenteuerlich wie zu Professor Challengers Zeiten: Die Forscher streifen nachts bis zu acht Stunden lang durchs Dickicht. Den Weg schlagen sie sich mit Macheten frei. Auf der Expedition auf dem Usun-Apau-Plateau ging dem Team die Nahrung aus. Da auch die Jagd erfolglos war, blieb den Wissenschaftlern nichts anderes übrig, als sich hungrig in die Hängematten zu legen. Da kann man nur hoffen, dass nicht doch noch ein Saurier im abgelegenen Hochplateau überlebt hat.

 

Frogs of Borneo

  • Am Frogs-of-Borneo-Projekt sind neben dem Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern auch die Universitäten Bern, Hamburg und Kuching, Malaysia, beteiligt.
  • Das Projekt existiert seit 2001 und betreibt Biodiversitätsforschung. Diese Arbeit ist eine wichtige Voraussetzung für den Artenschutz.