Schnecken zu töten ist auch keine Lösung – Tipps von der Schneckenforscherin

Datum: 
4. Mai 2015

Die Klagen und Körnerstreuerei der Hobbygärtner gehen wieder los: Die Schneckensaison hat begonnen. Estée Bochud ist aufstrebende Malakologin am Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern und betreut dort die grösste Mollusken-Sammlung der Schweiz. Die Schneckenforscherin rät davon ab, den schleimigen Plagegeistern nachzustellen. Ein Interview.

 
Frau Bochud, was halten Sie von meiner persönlichen Strategie gegen Schnecken? Ich wandere abends mit der Schere durch den Garten und zerschneide die Tiere, die sich an meinem Salat gütlich tun....
Estée Bochud: Das ist gar keine gute Idee. Schnecken sind Kannibalen – gerade die Spanische Wegschnecke, die hauptverantwortlich für die meisten Fressschäden ist. Wer Schnecken zerschneidet und liegen lässt, lockt lediglich weitere Schnecken an. 
 
Und wenn ich das konsequent jeden Abend mache?
Ihr Unterfangen ist aussichtslos. Jedes Tier ist in der Lage, pro Woche 400 Eier zu legen. Auch wenn Sie nur 20 Schnecken zerschneiden, erwischen Sie lediglich einen Bruchteil. 
 
Ein altes Hausmittel gegen die Schneckenplage sind Bierfallen. Was meinen Sie dazu?
Schade ums Bier, das trinkt man besser. Auch Bierfallen wirken kontraproduktiv – der Bierduft zieht bloss noch mehr Schnecken an, die Fressschäden anrichten können und Eier legen. Schnecken können 30 bis 40 Meter pro Tag zurücklegen. Bei allen Tötungsmethoden stellen sich auch ethische Fragen: Schnecken im Bier zu ertränken, erachte ich als Tierquälerei. Leider gibt es noch viel schlimmere Praktiken: Zum Beispiel Schnecken in einen Salzeimer zu werfen – das führt zu einem stundenlangem, schrecklichen Todeskampf.
 
Was uns zur Gretchenfrage führt: Was halten Sie von Schneckenkörnern?
Auch nichts. Die meisten Präparate machen Tabula rasa. Sie töten auch Schnecken und Lebewesen, auf die man es nicht abgesehen hat – zum Beispiel die geschützten Weinbergschnecken. Es gibt zwar Produkte, von denen behauptet wird, dass sie selektiver vorgehen – verlässliche wissenschaftliche Studien fehlen aber. So oder so gibt man mit Schneckenkörner Gift in den natürlichen Kreislauf, da Aasfresser die Schnecken verspeisen. Und auch hier stellt sich wiederum das Problem, das tote Schnecken neue anlocken – und der Einsatz von Schneckenkörner wiederum kontraproduktiv wirken kann. 
 
Kann man denn gar nichts tun?
Doch! Eine kleine, aber sehr wirkungsvolle Massnahme: Giessen Sie niemals abends, denn so verwandeln Sie ihren Garten zum Schneckenparadies. Die Tiere mögen es nämlich gerne dunkel, kühl und feucht. Wer abends spritzt, ruft die Schnecken geradezu ans Buffet. Sinnvoll ist, an einem sonnigen Morgen zu giessen, weil Schnecken die Sonne meiden. 
 
Ist das alles, was wir tun können?
Das Wichtigste ist, den Schnecken Alternativen zu bieten. Hier liegt das eigentliche Problem: In unseren Gärten finden sich neben den Gemüsebeeten hauptsächlich öde Rasenflächen – da stürzen sich die Schnecken natürlich auf Salat und Gemüse. Unsere Gärten sind zu clean, zu aufgeräumt. Konkrete Vorschläge: Legen Sie einen Kompost an. Lassen Sie Brennnesseln stehen, die mögen Schnecken wahnsinnig gerne und zugleich sind sie Nahrungsquelle für Schmetterlingsraupen. Ein naturnaher Garten ist die einzige nachhaltige Lösung gegen Schnecken. Er hilft den Nützlingen, die Schnecken vertilgen – beispielsweise den Igeln. 
 
Das ist aber auch eine Lösung, die man nicht für paar Fränkli im Gartencenter kaufen kann. 
Ja, es braucht vor allem Zeit. Die Umstellung dauert – das hört man auch von Bio-Bauern. Man muss sich der Garten als ein System vorstellen, das nicht in einer Saison umstellen kann. 
 
Aber was bringt es denn, wenn ich einen naturnah gärtnere – und mein Nachbar auf Chemie setzt?
Ja, die Kleinräumigkeit ist ein Problem. Daher braucht es ein Kulturwandel bei Hobbygärtnern und ein Bewusstsein für die Fauna. 
 
Aber in einem naturnahen Garten fühlen sich doch die Schnecken auch wohl?
Und das ist gut so. Freuen Sie sich, wenn Sie Weinbergschnecken in Ihrem Garten haben, das ist ein gutes Zeichen – dann geht es ihrem Garten gut. Meine Haltung ist folgende: Der Garten ist ein Stück Natur. Die Schnecken sind ein Teil davon. Als Hobby-Gärtner muss man akzeptieren, dass es Verluste gibt. In einem naturnahen Garten werden diese im Rahmen bleiben.
 
Das Gespräch führte Simon Jäggi. 
 
 
Estée Bochud ist Malakologin am Naturhistorischen Museum Bern. Zusammen mit dem Kurator und international renommierten Schnecken-Forscher Eike Neubert betreut sie die Mollusken-Sammlung. Mit 300 000 Objekten (3 bis 4 Millionen Einzelstücke) handelt es sich um die grösste der Schweiz. Längerfristiges Ziel der malakologischen Abteilung: Eine komplette Sammlung der europäischen Schnecken, Muscheln und anderen Weichtieren zu erstellen. Der Weg ist aber noch weit: Ein beträchtlicher Teil der Sammlungskisten im Keller des Museums ist noch nicht einmal erfasst. «Wir führen einen verzweifelten Kampf, dass wir endlich einen Überblick gewinnen», meint Bochud dazu schmunzelnd. 
 
 

Schnecken im Garten

 
Spanische Wegschnecke
Wurde in den 1960er-Jahren durch Obst- und Gemüselieferungen eingeschleppt, verbreitet sich seither unaufhaltsam. Selbst in Südlappland wurde die Art bereits nachgewiesen. Ein Grund für die Ausbreitung mag sein, dass Nützlinge die Schecke wegen ihres zähen Schleims und bitteren Geschmacks verschmähen. Die Population des Neozoons schwankt stark – in warmen Jahren kann sie stark ansteigen. Die Vermehrungsrate ist höher als bei heimischen Waldnacktschnecken. Ob die eingeschleppte Schnecke die heimischen Arten verdrängt – oder ob die Populationen aufgrund des Klimawandels zurückgehen, ist nicht untersucht.
 
 
Genetzte Ackerschnecke
Für Fressschäden im Garten sind zu 90 Prozent die Spanische Wegschnecke und die Genetzte Ackerschnecke zuständig – letztere ist den Hobby-Gärtner aber weniger im Bewusstsein, da sie tagsüber in der Erde lebt. In bis zu 30 Zentimeter Bodentiefe gräbt sich die Ackerschnecke ein. Dort ernährt sie sich von Wurzeln und abgestorbenen Pflanzenteilen. Ausgehöhlte Kartoffeln gehen etwa auf das Konto der Ackerschnecken. 
 
 
Weinbergschnecke
Die eindrückliche Weinbergschnecke ist unsere grösste einheimische Landschnecke, bis zu fünf Zentimeter kann der Durchmesser des künstlerischen Gehäuses betragen. Die Weinbergschnecke steht unter Schutz, auf der Roten Liste wird sie als potenziell gefährdet eingestuft. Obwohl sie gelegentlich auch an Pflänzchen nascht, nützt sie im Garten mehr als sie schadet. Sie verhält sich recht dominant und schafft es oft, andere Schneckenarten aus ihrem Revier zu verdrängen. Sie trägt demnach erheblich dazu bei, dass sich andere Schneckenarten im Garten nicht allzu stark vermehren. 
 
 
Garten-Schnirkelschnecke
Die Garten-Schnirkelschnecke oder Garten-Bänderschnecke ist eine weitere Schönheit, die in naturnahen Gärten entdeckt werden kann. Auf der Suche nach Futter klettern die wendigen Tiere besonders gerne auf Sträucher und Bäume. Sie fressen Blätter und Früchte und es kommt schon einmal vor, dass sie im Garten ein wenig an den Johannisbeeren oder an zartem Grünzeug kauen. Weiteren «Schaden» richten sie jedoch nicht an. Sowohl bei Hitze als auch im Winter ziehen sie sich in ihre Häuschen zurück. Während ihres Trockenschlafes im Sommer sind ihre Gehäuse oft an Ästen oder Baumstämmen zu sehen.
 
 
Datei: