Grundeln - spektakuläre Fische, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätten

Datum: 
21. Oktober 2013

Grundeln – die ulkigen Unbekannten. Zwar gehören Grundeln zu den artenreichsten Fischen und weisen ein spektakuläres Aussehen und Verhalten auf – dennoch wissen wir wenig über die kleinen Bodenfische. Die Wissenschaft hat die Tiergruppe bislang eher stiefmütterlich behandelt. Der Fischforscher Lukas Rüber des Naturhistorischen Museum Bern bringt endlich Ordnung ins stammesgeschichtliche Wirrwarr und hat zum ersten Mal einen robusten Stammbaum der Grundelartigen erfasst. Eine bedeutende Grundlage, die mithelfen kann, weitreichende Fragen zu klären – etwa die Frage nach dem Ursprung der europäischen Biodiversität.

 
Grundeln sind nur wenigen Menschen ein Begriff. Dabei hätten die Tiere, die meist in Bodennähe leben, mehr Aufmerksamkeit verdient. Die Grundeln gehören zu den artenreichsten Fischgruppen – und zu den spannendsten. Die Familie der Grundeln (Gobiidae) ist mit über 200 Gattungen und über 1500 Arten die grösste Gruppe der Meeresfische. Die Grundeln zählen zu den Grundelartigen (Gobioidei) – diese subsumieren rund 2210 Arten und machen unter den Stachelflossern fast zehn Prozent aus. Grundeln werden zwischen 4 bis 10 Zentimeter gross und kommen weltweit in Salz-, Brack- und Süsswasser vor. 
 
Spektakulär sind auch die unterschiedlichen und skurrilen Körperformen, welche die Grundeln aufweisen. Zudem ist die ökologische Spezialisierung, mit der sich die verschiedenen Gruppen an ihre Lebensräume angepasst haben, teilweise atemberaubend – im wort-wörtlichen Sinne. So führen Schlammspringer einen amphibischen Lebensstil, den meisten Teil ihres Lebens verbringen sie an Land. 
 
Grundeln sind vor rund 40 Millionen Jahre entstanden und sehr divers. Aus diesem Grund werden Vertreter der Grundelartigen vermehrt als Modelorganismen verwendet, um eine bemerkenswerte Vielfalt an Forschungsthemen zu klären – etwa, um mehr über die frühe Embrionalentwicklung von Wirbeltieren zu erfahren. 
 
Trotz ihrer evolutionären und ökologischen Bedeutung sind Grundeln spärlich erforscht. So war bislang wenig über die stammesgeschichtlichen Verwandtschaften bekannt. In der Systematik der Grundelartigen herrschte bislang ein heilloses Durcheinander. Hier hat der Fisch-forscher Lukas Rüber vom Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern nun einen wichtigen Beitrag für die Grundlagenforschung geleistet. Zusammen mit Ainhoa Agorreta von der Universität Navarra und fünf weiteren Wissenschaftlern aus Spanien, Kroatien, Deutschland und den USA hat er erstmals einen verlässlichen Stammbaum  der kleinen Fische erstellt – dies aufgrund von DNA-Daten, welche die Forscher selber erhoben haben. Das Material stammte aus Museen der ganzen Welt oder aus Fang-Expeditionen der Beteiligten.  
 
Warum diese Grundlagenarbeit von Bedeutung sein kann, zeigt etwa das Beispiel der europäischen Grundeln, die rund 150 Arten erfassen. Diese wurden stammesgeschichtlich bisher in einen Topf geworfen: Man nahm an, sie gehören in dieselbe Gruppe. Rüber und seine Ko-Autoren unterteilen aber die europäischen Grundeln neu in drei unabhängig von einander entstandenen Evolutionslinien. Diese Neuordnung des Stammbaumes wirft spannende Fra-gen auf: Welche geologischen und klimatischen Ereignisse haben zu diesem Verbreitungsmuster der Grundeln geführt? Am Beispiel der Grundeln würden sich grössere Zusammen-hänge besser verstehen lassen – etwa wie und wann sich die Biodiversität in Europa entwickelt hat. Solche Forschungsarbeiten sind aber erst möglich, wenn ein solides stammesgeschichtliches Gerüst vorhanden ist. Und das ist nun der Fall. 
 
Pressetext: 
Kontakt: Dr. Lukas Rüber, lukas.ruber@nmbe.ch, +41 (0)31 350 72 282